#IJF16: Alte Feinde, neue Freunde

Korrupte Regime, kriminelle Unternehmen, böse Geheimdienste: Für investigative Journalisten gibt es viel zu tun. Aber es fehlt Geld für die Recherche. Über Strategien, die aus dem Jammertal führen. 

Anas Aremeyaw Anas

Anas Aremeyaw Anas, Aufdeckerjournalist aus Ghana: So hart und effektiv wie Superdetektiv Shaft

Anas Aremeyaw Anas ist so etwas wie der Günter Wallraff Ghanas. Nur härter. Und cooler. Wie der verwegenste investigative Journalist Afrikas in Wirklichkeit aussieht, weiß niemand. Aus Sicherheitsgründen zeigt er sich öffentlich nur in Verkleidung. Als er vergangene Woche am Journalismusfestival im italienischen Perugia unter strengen Sicherheitsvorkehrungen die Bühne betrat, trug Anas einen Hut mit einem schicken Vorhang aus Goldkordeln, die sein Gesicht vollständig verdeckten. Auf der Bühne sagte er dann Sätze wie: „Extreme Krankheiten verlangen nach extremen Kuren. Ich bin Teil der Kur.“ Und erzählte, wie er gerade 34 korrupte Richter in Accra vor Gericht brachte: Die hatte er mit versteckter Kamera dabei gefilmt, wie sie Bargeld, einmal sogar eine Ziege annahmen und ihm dafür günstige Urteile für Freunde oder Verwandte versprachen, für die Anas vorgab zu intervenieren.

“Name, shame, jail”

„Name, shame, jail“ lautet sein Motto und Anas Aremeyaw Anas sagt, dass Journalismus nur Sinn macht, wenn er Ergebnisse zeitig und den Bürgern dient. Auf ähnliche Weise deckte er in den letzten Jahren, zum Teil in extremen Verkleidungen, den Handel mit Körperteilen von Albinos auf, brachte – als Stein verkleidet – Kakao-Schmuggler zur Strecke oder machte öffentlich, wie sich das Leben in Ghanas psychiatrischen Anstalten und Gefängnissen anfühlt, in denen er jeweils mehrere Monate undercover verbrachte. Seine Recherchen verpackt er in Doku-Filme und Clips, die stark an „Shaft“-Filme aus den 70er-Jahren erinnern. Anas ist ein Pop Star des Journalismus. Ein rares Phänomen.

Journalisten wie Anas, aber auch Reporter wie Peter Greste von Al Jazeera, der 2013 vom ägyptischen Regime als Terrorist angeklagt und schließlich ausgewiesen wurde, oder die Blogger des Kollektivs Raqqa is Being Slaughtered Silenty [Interview in Falter 26/16], die unter Todesgefahr aus dem Herzen des „Kalifats“ von den Gräueltaten des „Islamischen Staats“ berichten, sind die großen Helden des Journalismusfestivals, das vergangene Woche zum zehnten Mal in Perugia stattfand. Für ihre Vorträge stehen die Besucher Schlange, drängen in die Workshopräume der Hotels und die prächtigen Renaissancesäle der Palazzi der umbrischen Kleinstadt.

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Für den Vortrag der Aktivisten von Raqqa is Being Slaughtered Silently standen die Menschen in Perugia Schlange

Selten tritt Journalismus so glamourös, robust und lebendig in Erscheinung wie hier, wo heuer 560 Vortragende an fünf Tagen die Zukunft der Medienbranche diskutierten. Und das in Zeiten, in denen Sätze, die mit „Journalismus“ beginnen, gerne mit den Wörtern „Krise“ oder „Lügenpresse“ enden.

Die Veröffentlichung der „Panama Papers“ sorgte in Perugia zusätzlich für Rückenwind. „Die Panama Papers haben gezeigt, dass harte News nach wie vor zählen“, freute sich Ewen MacAskill, der vor zwei Jahren für den Guardian maßgeblich an der Veröffentlichung der NSA-Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden mitgewirkt hatte. Gerade die Zusammenarbeit von mehr als hundert Medien und 400 Journalisten, mit ihren jeweils ausgeprägten Spezialkenntnissen, habe die „Panama Papers“ so schlagkräftig gemacht. 20 Millionen Seitenaufrufe, sagt er, habe der Guardian in der ersten Woche zu diesem Thema geloggt. Für „John Doe”, den unbekannten Whistleblower hinter den Panama Leaks, gab es in Perugia zwischendurch auch einmal einen Sonderapplaus.

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Abwesende Helden: Den Whistleblowern Edward Snowden, Julian Assange und Chelsea Manning (allerdings in ihrer früheren Inkarnation als Bradley) setzte Davide Dormino mit “Anything to say?” ein Denkmal

Und natürlich, auch „die Krise“ war Thema auf dem Festival, dem größten Europas. Renée Kaplan, die bei der Financial Times für „audience engagement“ sorgen soll, also dafür, dass nicht noch mehr Leser und Nutzer auf Google oder Apple News abwandern, hat es am eindringlichsten formuliert: „Es ist eine furchteinflößende Welt.“ Immer mehr Menschen verirren sich nur noch über den Umweg großer Social Media-Plattformen wie Facebook oder über Messengerdienste wie WhatsApp auf die Websites der Traditionsmedien. Die Anzeigenpreise sind im Keller, viele Verlage sind nur schlecht für die mobile und schrille Welt gerüstet, die Medien wie Buzzfeed und Vice nährt. Mögliche Wege aus dieser Krise sahen die Vortragenden nicht nur in neuen Technologien wie Algorithmen und „Bots“, die den Journalisten künftig die Erstellung von Beiträgen, Factchecking und den Vertrieb von Inhalten erleichtern sollen.

Grenzüberschreitende Netzwerke

Zukunftspotenzial hätten auch jene grenzüberschreitende Netzwerke, wie die Panama Papers zeigten. „Wirtschaft funktioniert seit Jahrhunderten transnational, Verbrechen ebenso. Es ist höchste Zeit, dass sich auch Journalisten konsequent über die Grenzen vernetzen“, sagt Giulio Rubino, Mitbegründer des „Investigative Reporting Project Italy“ (IRPI), das beeindruckende Recherchen zur italienischen Mafia vorgelegt hat. Für die Recherche über Vito Roberto Palazzolo, der als einer der wichtigsten Bankiers der sizilianischen Cosa Nostra gilt und über Offshore-Firmen Millionen aus Drogenhandel und Prostitution in „saubere“ Diamantenminen und Luxuswohnungen in Afrika umgeleitet haben soll, stellten IRPI und ANCIR, ein afrikanisches Aufdecker-Netzwerk, ein Team aus zehn investigativen Reportern und Datenjournalisten aus sechs Ländern zusammen, das die Geschäfte des Mafiabosses sieben Monate lang durchleuchtete.

Anders als bei den Panama Papers handelte es ich dabei um ein eher informelles Netzwerk, das sich aus persönlichen Kontakten entwickelt habe, erklärt Frederik Richter. Richter arbeitet für das deutsche Recherchezentrum Correctiv und deckte zuletzt mit Journalisten von IRPI auf, wie skrupellose syrische Frächter Drogen, Waffen und Menschen über das Mittelmeer schmuggeln. Man habe aber nur über bescheidene Mittel für die Recherche verfügt, die von Libyen, über Rumänien, die Türkei, Griechenland und Syrien bis nach Honduras und Belize führte, sagt Richter.

Neue Erlösmodelle

Correctiv ist vorwiegend über eine gemeinnützige Stiftung finanziert und versucht, mit Büchern und Mitgliedschaften zusätzliches Geld aufzutreiben. Fast tausend Förderer haben sich schon gefunden, die für zehn Euro Monatsbeitrag Zugang zu exklusivem Material erhalten. IRPI lebt vorwiegend von Spenden und Stipendien, bietet aber auch Fixer-Dienste für andere Medien an, die Kontakte in Italien brauchen. Für die Schmuggler-Recherche gab es außerdem Unterstützung von investigate!, einem Verein, den CNN ins Leben gerufen hatte und der unter anderem von Audi gefördert wird und Recherche-Stipendien vergibt. Es sind Erlösmodelle, die mit der klassischen Finanzierung von Journalismus – Werbung und Abos – nichts mehr zu tun haben.

Allerdings: Nur zwei Prozent der Gelder, die weltweit in Medienentwicklung gesteckt werden, fließen in investigativen Journalismus, beklagt Gabriela Manuli vom Global Investigative Journalism Network – einem Verbund von 128 nicht profitorientierten Institutionen, darunter auch das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ), das die Panama Papers koordiniert. [Der Report zu “Global Investigative Journalism” von CIMA aus 2013 findet sich hier]. Dabei hat sich im Bereich alternativer Geschäftsmodelle für Qualitätsjournalismus zuletzt einiges getan.

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So süß kann Journalismus sein. Das Journalismusfestival in Perugia wurde heuer 10, die Pasticceria Sandri feierte mit

Mit der Kreativität von Anas Aremeyaw Anas kann es aber auch da kaum jemand aufnehmen. Der Aufdecker betreibt mit Tiger Private I eine eigene Detektei, deren Mitarbeiter auch für die ghanaische Regierung, Goldminenbesitzer oder Interpol schnüffeln. Maria Ramirez und ihre Redaktion sind zumindest Weltrekordhalter im Crowdfunding – jedenfalls für journalistische Projekte. In nur sechs Wochen haben sie für ihr Onlineprojekt El Español 3,6 Millionen Euro im Internet eingesammelt. Das Besondere daran: 5600 Funder haben sich letztes Jahr nicht nur für ein Abo entschieden, sondern außerdem Anteile an El Español erworben, der sich nun mit Erklärstücken, Investigationen und Datenjournalismus von den spanischen Traditionsmedien zu unterscheiden versucht. „Das Equity-Modell war einer der Schlüssel zum Erfolg“, sagt Maria Ramirez, der deutliche höhere Aufwand für Anwälte habe sich gelohnt.

Was tun? Was tun!

Wer gedacht hat, dass nach De Correspondent, dem niederländischen Erfolgsmodell für Crowdfundig mit aktuell 48.000 Mitgliedern (Jahresabo: 60 Euro), und den deutschen Krautreportern diese Finanzierungsquelle zu versiegen beginnt, hat offenbar geirrt. Es gibt weitere interessante Initiativen. Press Start etwa, ein Projekt von Transitions Online, das noch im April eine globale Plattform launchen wird, auf der investigative Journalisten in repressiven Regimes um Gelder für ihre Arbeit werben können. Google fördert das Projekt mit seiner Digital News Initiative, im Februar schüttete es die ersten 27 Millionen Euro an 128 Projekte in Europa aus. Nicht schlecht, aber gemessen an Googles steuerschonend eingefahrenem Gewinn von weltweit 23 Milliarden Dollar im letzten Jahr sind das dennoch Peanuts.

Ende Mai startet schließlich die Plattform Perspective Daily, die sich dem Prinzip des „constructive journalism“ verschrieben hat. 13.000 Mitglieder finanzierten das Projekt vor und bringen sich bereits jetzt aktiv mit Themenvorschlägen ein, erzählt Torsten Sewing von Perspective Daily. Zwischen den Panels in Perugia skypt er mit seinen Redaktionskollegen in Münster, um letzte Details zum Aufbau der Texte und der Community zu planen. Inhaltlich wird es um Nachhaltigkeit gehen, vor allem aber darum, nicht bloß wieder die üblichen journalistischen Fragen – Wer? Was? Wann? Wo? Wie? – zu klären. Sondern vor allem um das „Was tun?“. Also darum, konkrete Lösungen aufzuzeigen.

Die “4 apokalyptischen Reiter”

Während sich die jungen digitalen Unternehmerjournalisten also auf die Suche nach neuen Erlösmodellen und Unterstützern machen, müssen viele Traditionsmedien, vor allem im angloamerikanischen Raum, froh sein, wenn sie den Besitzstand wahren. Um „Treue“ und „Brands“ geht es in diesen Debatten, die seit Jahren ähnlich verlaufen, um „Communitys“ und „Engagement“. Neuerdings geht es aber auch darum, ob man sich nicht doch auf einen Pakt mit den „vier apokalyptischen Reitern“ einlassen sollte. So hat unlängst Emily Bell, Direktorin des renommierten New Yorker TOW Centers für digitalen Journalismus, Facebook, Google, Amazon und Twitter in einer vielbeachteten Rede genannt. Alle außer Facebook waren am Festival in Perugia hochrangig vertreten, als Sponsoren auch mit eigenen Panels und viel Gerede um neue Partnerschaft auf Augenhöhe.

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Neue Freunde? Amazon war am IJF16 – neben dem Energieversorger ENI – Hauptsponsor, auch Twitter und Google beteiligten sich mit eigenen Panels

Alle vier haben letztes Jahr den großen Verlagen und Onlinemedien auch Angebote gemacht, die diese nur schwer ablehnen können. Allein Facebook hat 1,6 Milliarden Mitglieder und 95 Prozent aller Internetnutzer weltweit verwenden zumindest einmal die Woche ein Facebook-Produkt wie WhatsApp, Messenger oder Instagram. Um ihre Inhalte besser auf den Plattformen zu integrieren, soll auch Geld fließen. Der Entertainmentriese Buzzfeed, der 75 Prozent seiner Nutzer bereits über den Messaging-Dienst Snapchat & Co statt über die eigene Homepage erreicht, wird von Facebook sogar dafür bezahlt, dass er das neue Facebook „Live“-Streaming-Feature nutzt. Das Verhältnis der Verleger zu den Plattformen sei „eine Hassliebe“, sagt Raju Narisetti, der für Strategie verantwortliche Vizepräsident von Rupert Murdochs News Corp, zu der etwa Wall Street Journal und Times gehören. „Auch wir müssen dort sein, wo unser Publikum ist“, sagt Narisetti. Allerdings nur, wenn es sich auszahle und man die Kontrolle über die Nutzerdaten nicht verliere.

“Die Pipeline ist leer”

Warum das auch einen Zeitungsverlag in Kontinentaleuropa jemanden interessieren sollte? Weil die digitalen Anzeigenbudgets gerade auf die große Plattformen wandern. Und es möge schon sein, sagt er, dass in Österreich die Zeitungsmarken und der öffentliche Rundfunk noch stark sind. „Aber wo sind die jungen Leser?“, fragt Narisetti. „Die Verlage haben zwei, vielleicht fünf oder zehn Jahre Zeit. Aber dann ist die Pipeline leer“, sagt der Manager im Ganggespräch, wie sie sich in Perugia zwanglos ergeben, während im Seminarraum nebenan ein Panel zum Thema „Slow Journalism“ läuft.

Was passieren kann, wenn sich Medien vorbehaltlos der Logik sozialer Medien ausliefern, führte letzten Samstag Buzzfeed vor. „Exploding Watermelon“ hieß das Experiment und löste in Perugia kurzzeitig sogar die „Panama Papers“ als Pausenthema ab. Der Entertainment-Riese Buzzfeed übertrug an diesem Tag 45 quälend lange Minuten live, wie zwei Mitarbeiter in Schutzanzügen eine Wassermelone mit 672 Gummibändern zur Explosion brachten. 800.000 Nutzer sollen zugeschaut haben, seither haben zehn Millionen das Video geklickt – ein „Weltrekord“ für die brandneue Video-Streaming-Plattform „Live“ von Facebook, für deren Nutzung Buzzfeed von Facebook auch noch bezahlt wird. Ob dieses Geschäftsmodell nicht eine gefährliche Anziehungskraft für seriöse Medien entwickeln könne, fragten sich am Festival Journalisten wie der bekannte Medienkritiker Mathew Ingram: „Facebook ist nicht an sich böse, Marc Zuckerberg ist ein netter Typ. Und die Gefahr liegt nicht darin, dass er den Journalismus absichtlich ruiniert, sondern dass er es aus Versehen tut.“

Die Aufzeichnungen so gut wie aller Vorträge und Panels des 10. Journalismusfestivals in Perugia sind über die Programmseite des Festivals abrufbar. Das #IJF17 findet von 5. bis 9.4. wiederum bei freiem Eintritt in Perugia statt. 

Eine Version dieses Textes erschien zuerst im Falter 15/16 unter dem Titel “Wir sind wie Krokodile” (Abo). 

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Endstation – Stazione di Perugia

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