Es gilt das gesprochene Wort

Kurze, ungehaltene Rede zum 50. Todestag des Autors.

Ein sehr kleiner Teil dieser Rede hat sich im Rahmen einer Übung in automatischem Schreiben sozusagen von selbst geschrieben. Die Rahmenbedingungen waren ähnlich denen, die André Breton 1924 in einem Nachsatz des ersten surrealistischen Manifests vorschlug, in dem er die „Geheimnisse der magischen surrealistischen Kunst“ offenlegte: „Lassen Sie sich etwas zum Schreiben bringen, nachdem Sie es sich irgendwo bequem gemacht haben, wo Sie Ihren Geist so weit wie möglich auf sich selbst konzentrieren können. Versetzen Sie sich in den passivsten oder den rezeptivsten Zustand, dessen Sie fähig sind. Sehen Sie ganz ab von Ihrer Genialität, von Ihren Talenten und denen aller anderen.“

Diese Bedingungen einer idealen Schreibsituation sind nicht einfach zu erfüllen. Das fängt schon damit an, dass einem niemand etwas zum Schreiben bringt. „Bringt mit etwas zum Schreiben!“ Man würde so einen Satz gerne einmal vom Schreibtisch aus rufen. Auch sonst ist kaum bequeme Konzentration zu finden. Immer ist wo ein Raunen, eine Ansprache, eine Ablenkung, rieseln Texte und Stimmen aus dem Off, aus den Twitter- oder Facebook-Timelines. Die einen schreiben, die anderen schreien.

Das kann am Ende doch zu einer Art Dämmerzustand führen, vergleichbar dem Zustand, der sich im Freibad enstellt, wenn alles rauscht und tollt. Erst in diesem Zustand jedenfalls könne sich, so Breton, das „Denkdiktat“ entfalten, fließe der Monolog frei und ohne Kontrolle von Vernunft, Ästhetik und Moral aus einem heraus, gerinnen „gesprochene Gedanken“ eins zu eins zu Text. Der erste Satz komme ganz von allein, da „in jedem Augenblick in unserem Bewußtsein ein unbekannter Satz existiert, der nur darauf wartet, ausgesprochen zu werden“.

Was ist ein Autor?, fragte F., sagt der Redner, der ich bin, im Halbdämmer, schreibe ich. [l]

Das ist ein gutes Beispiel für einen schlechten, „automatisch“ generierten Satz, bestenfalls für einen halbautomatischen Satz: Die Vernunft hat das letzte Wort, der Redner kann von seine Genialität nicht ablassen. Es ist ein „suspekter“ Satz. Daher steht an seinem Ende, wie von Breton vorgeschlagen, der Buchstabe „l“. Um die Stelle zu markieren, an der die Unaufmerksamkeit nachgelassen hat. Wäre der Redner unaufmerksamer, unvernünftiger gewesen, wäre vielleicht ein bequemerer, ein befreienderer Satz, ein längerer, ein vielstimmigerer Monolog entstanden.

So wie:

Was ist ein Autor?, fragte F., sagt der Redner, der ich bin, im Halbdämmer, schreibe ich, erzählte S., sagt der Autor, erinnerte sie sich usw.

Isidore Lucien Ducasse, ein früher Erprober automatischen Schreibens, auf dessen Genialität Breton mehrfach verweist, hat seinen ersten Satz besser hingekriegt. Vor genau 150 Jahren, gegen Ende des Jahres 1867, muss Ducasse ihn geschrieben haben. Oder geschrien. Denn Ducasse soll gearbeitet haben, indem er nachts lautstark Verse am Klavier deklamierte, dabei wild in die Tasten haute und in dieser Hinsicht vorwegnahm, was Breton später „gesprochene Gedanken“ nennen sollte. Die erste Strophe des ersten Gesangs der „Gesänge des Maldoro“ beginnt mit dem denkwürdigen Satz: „Gebe der Himmel, daß der Leser, kühn geworden und für den Augenblick so ausschweifend wild wie das, was er liest, seinen abschüssigen, ungebahnten Weg durch die öden Sümpfe dieser düsteren Seiten voll Gift finde, ohne sich zu verirren; sofern er nämlich nicht mit strenger Logik und einer Anspannung des Geistes an die Lektüre geht, die seinem Mißtrauen wenigstens gleichkommt, werden die tödlichen Ausdünstungen dieses Buches seine Seele durchtränken wie das Wasser den Zucker.“

Dieser Satz, liebe Freundinnen und Freunde, erscheint dem Redner, also mir, bemerkenswert aus mehreren Gründen. Einerseits aufgrund seiner kompliziert vermittelten Unmittelbarkeit. Wenn es stimmt, was wir aber nicht überprüfen können, dass er als wilde Rede – in Argentinien oder auf einem Schiff während einer Atlantiküberquerung nach Frankreich – entstand und danach, auf „abschüssigen, ungebahnten Wegen“ in ein Manuskript, eine Übersetzung, ein Buch, auf eine Webseite fand (im konkreten Fall hat wohl ein Schreiber namens „Falmer“ die von Wolfgang Schmidt angefertigte und 1986 in der Edition Sirene veröffentlichte Übersetzung ohne Ansehen des Urheberrechts abgetippt und auf Webseiten veröffentlicht, die heute, weil von „Falmer“ nicht mehr betreut, nur mehr im Internet Archive über die „Wayback Machine“ abrufbar sind, wo der Redner, also ich, auf ihn stieß), so müssen sich trotz all dieser Verfahren von Verschriftlichung doch noch Spuren der ursprünglich gesprochenen Rede, der am Klavier deklamierenden Stimme von Isidore Lucien Ducasse in diesem und anderen Sätzen der „Gesänge“ finden. Auch wenn „Ducasse“ diese „automatische“ Stimme aus welchen Gründen immer hinter seinem Autorennamen „Comte de Lautréamont“ zu verbergen suchte und diese beiden Identitäten in den „Gesängen“ im Zuge der Verschriftlichung praktisch unentwirrbar mit denen des Erzählers und der Hauptfigur Maldoro verschränkte.

Diese Stimmreste in Texten werden heute tendenziell gering geschätzt. Roland Barthes hat dazu mit seinem kurzen aber wirkmächtigen Aufsatz zum „Tod des Autors“ einen wesentlichen Beitrag geleistet. In diesem Text würdigt „Roland Barthes“ zwar ausdrücklich den Beitrag, den die Surrealisten mittels der Technik des automatischen Schreibens zu einer Säkularisierung des Autorenbegriffs geleistet hätten, qualifiziert diese Technik aber als letztlich prämodernes Spiel und hält fest, dass „die Schrift jede Stimme, jeden Ursprung zerstört“. Zumindest in der deutschen Übersetzung der französischen Version des Textes, die erst 1968 erschien. Was weniger bekannt ist, hier aber mehr interessiert, ist die Tatsache, dass der Text zuallererst in einer englischen Übersetzung veröffentlicht wurde. Und zwar im Herbst 1967 in dem von Phyllis Johnson herausgegebenen Magazin „Aspen“, also ziemlich genau 100 Jahre, nachdem Ducasse den ersten Satz der „Gesänge“ deklamierte. „Aspen“ war weniger eine herkömmliche Zeitschrift als eine dreidimensionale Medien-Wunderkammer, die auch Schallplatten und Super-8-Filme integrierte und damit ein wenig das Internet vorwegnahm, das ebenfalls in diesem Jahr im Kopf des ARPA-Forschers Robert Licklider erste Konturen annahm.

Die englische Version in „Aspen“ weicht in einem entscheidenden Punkt von den späteren französischen und deutschen Fassungen ab, ist gerade hinsichtlich der „Stimmlichkeit“ von Texten weniger radikal:

[All] writing is itself this special voice, consisting of several indiscernible voices, […] literature is precisely the invention of this voice, to which we cannot assign a specific origin [.]

Was den Autorenbegriff angeht, ist diese in den späteren Fassungen gestrichene und durch den oben zitierten Satz – dass „die Schrift jede Stimme, jeden Ursprung zerstört“ – ersetzte Passage, zu der man gut auf die Tasten eines Klaviers hämmern könnte, doch sehr nah am Stimmengewirr von Ducasse/Lautréamont/Malador usw. Näher jedenfalls als an „Barthes“ verhängnisvollem, weil jahrezehntelange Diskurse über Tod und Rückkehr des Autors begründenden Schlusssatz: „Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors.“

Nicht einfacher macht unsere Sache freilich, liebe Freundinnen und Freunde der freien Rede, dass im selben Jahr, als „Barthes“ den „Tod des Autors“ verkündete, und 100 Jahre, nachdem sich das Autorenkollektiv Ducasse/Lautréamont/Malador usw. am Piano verausgabte, noch ein weiterer kanonischer Text veröffentlicht wurde, der sich ganz vehement gegen den „Phonzentrismus“ der Moderne wandte – Derridas „Grammatologie“. Auf die theoretizistischen Im- und Komplikationen dieses Textes kann hier in Ermangelung an Zeit und Genialität des Redners nicht im Detail eingegangen werden. Wir verweisen dazu auf Mike Sandbothes Versuch, diesen Text pragmatisch und unter Netzbedingungen zu lesen und zu wenden. In „Grundpositionen zeitgenössischer Medienphilosophie und die Pragmatisierung unseres Mediengebrauchs im Internet“ (2000) zitiert Sandbothe die amerikanische Soziologin Sherry Turkle, die 1995 in „Life on Screen. Identity in the Age of the Internet“ die These vertreten habe, „daß die von Derrida formulierten Sachverhalte durch die konkret erfahrbaren Verhältnisse im Internet für den Common Sense auf einfache Weise nachvollziehbar werden“.

Uns beschäftigt an dieser Stelle vielmehr eine weitere Besonderheit der „Gesänge des Maldoro“: Dass an ihrem Ende – bei unaufmerksamer Lektüre, so etwas wie einer „lecture automatique“ – nicht der Tod des Autors sondern der des Lesers stehen soll. Ducasse/Lautréamont/Malador usw. deklamiert sich die Seele aus dem Leib, um die des Lesers/Hörers zu vergiften. Das scheint auch eine angemessene Beschreibung von Netzkommunikationen zu sein, also von Schrift unter den Bedingungen von Digitalität. Da der Schrift im Internet offensichtlich nicht nur die Funktion von bloß technischer Informationsvermittlung zukommt – als Programm, Algorithmus, als binärer Code –, sondern auch eine „performative“ Dimension, wie „Sandbothe“ schreibt, da sich in Chats, aber auch in Online-Foren, Facebook-Kommentar-Threads und Twitter-Diskussionen und vielleicht sogar in blankem Bot-Talk das „gesprochene bzw. zu sprechende Wort“ im Schreiben „als Zeichen von Zeichen“ realisiert. Mit potenziell befreiender Wirkung für den – mehr oder weniger automatisch – Schreibenden/Schreienden und potenziell giftiger, ja tödlicher Wirkung für Leser, die sich ihrerseits ja auch selbst im Netz schreibend/schreiend zu befreien suchen. Stichwort: Trump-Tweet.

Problematisch im Internet, aber nicht nur dort, ist somit vor allem, dass wir nie sicher sein können, ob es sich beim gerade Gelesenen/Gehörten um „Verschriftlichung von Sprache“ oder um „Versprachlichung von Schrift“ handelt. Sollen wir, wenn wir vor dem Bildschirm dämmern, eher den konversationellen, „oralen“ Psychodynamiken eines Textes oder den „literalen“ nachspüren? Die Metabotschaften bzw. ephemären, situativen Kontexte der Sprecherinnen ausloten? Die Geltungsansprüche von Sprechakten prüfen? Sollen wir die hypertextuellen Sinnpotenziale lesen? Sollen wir gar Repräsentationen interpretieren?

Dass da ein totaler Sinn wäre, dürfen wir in jedem Fall ausschließen. Schreiben und Lesen – das immerhin, liebe Freundinnen und Freunde, lässt sich festhalten – war nie gefährlicher als heute. Der Tod lauert in jedem Wort.

Danke für die Unaufmerksamkeit.

Und bringt mir etwas zum Schreiben!

*

*

*

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Diese Rede wurde erstmals abgedruckt in Ausgabe 31 des Feuilletonmagazins “schreibkraft”.

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